Was, wenn das, was wir als klare, höfliche und professionelle Kommunikation empfinden, in einem anderen Land als zu direkt, schroff oder unangenehm ankommt?
Von meiner Japanreise habe ich nicht nur eine große Begeisterung für dieses Land mitgebracht, sondern auch den Eindruck, dass Sorgfalt im Umgang miteinander und mit öffentlichen Räumen, Höflichkeit und Disziplin den Alltag prägen. Während meiner Reise habe ich keine Graffiti gesehen; gemeinsam genutzte Räume und fremdes Eigentum schienen mit einer Selbstverständlichkeit respektiert zu werden, wie ich sie bisher nicht erlebt hatte. Darüber ließe sich noch einiges schreiben – aber zurück zur Kommunikation.
Was mich an der japanischen Kultur außerdem sehr inspiriert, sind die Halbtöne in der Kommunikation: Eine direkte, nüchterne Aussage, die in Deutschland als verlässlich und fair verstanden wird, kann in einem anderen kulturellen Kontext bereits als schroff empfunden werden; umgekehrt kann ein sehr höflich formulierter Einwand unbemerkt bleiben, weil wir auf ein deutliches Nein warten. Die deutsche Sachlichkeit ist kein internationaler Standard, auch wenn sie sich gelegentlich dafür hält.
Für Führungskräfte stellen sich damit drei Fragen: Wie viel muss ausgesprochen werden, wie direkt darf Kritik sein und wie offen kann man widersprechen, ohne die Beziehung zu beschädigen?
Für Dresden gewinnen diese Fragen mit ESMC und TSMC eine sehr konkrete Bedeutung, denn deutsche und taiwanische Fachkräfte aus der global vernetzten Halbleiterindustrie werden künftig enger zusammenarbeiten. Taiwan ist nicht Japan; dennoch können Kommunikation, Kritik und Widerspruch auch dort stärker über Kontext und Beziehung vermittelt werden, als wir es aus vielen deutschen Teams kennen.
Interkulturelle Kompetenz ist für mich die Fähigkeit, Zusammenarbeit über unterschiedliche kulturelle Prägungen hinweg so zu gestalten, dass alle Beteiligten sich verständigen, handlungsfähig bleiben und den Umgang miteinander als angemessen erleben. Das setzt voraus, die eigene Vorstellung von Klarheit und Professionalität nicht zum allgemeingültigen Maßstab zu machen.
Cornelia Mühlberg
Im Coaching mit Führungskräften mache ich solche Unterschiede sichtbar, bevor aus aneinander vorbeigesprochenen Erwartungen feste Zuschreibungen wie „unklar“, „unzuverlässig“ oder „rücksichtslos“ werden.
Interkulturelle Kompetenz zeigt sich nicht im Sammeln von Gebrauchsanweisungen für „die anderen“, sondern in der Fähigkeit, die eigene Vorstellung von Klarheit und Professionalität als kulturell geprägt zu erkennen. Im Coaching mit Führungskräften mache ich solche Unterschiede sichtbar, bevor aus aneinander vorbeigesprochenen Erwartungen feste Zuschreibungen wie „unklar“, „unzuverlässig“ oder „rücksichtslos“ werden.
Internationale Teams begleite ich mit besonderer Neugier, denn alle Beteiligten bringen umfangreiches Erfahrungswissen und unterschiedliche Perspektiven in die Zusammenarbeit ein. Es wäre schade, wenn dieses Potenzial ungenutzt bliebe, nur weil unter Klarheit, Höflichkeit und Widerspruch jeweils etwas anderes verstanden wird.
Zum Abschluss meiner Sommerreihe über Konflikte bleibt damit der Gedanke, dass nicht jedes vermeintliche Beziehungsproblem in der Beziehung beginnt; mitunter liegt am Anfang ein kulturelles Übersetzungsproblem, obwohl alle Beteiligten dieselbe Sprache sprechen.
#InterkulturelleKompetenz #InterkulturelleFührung #FührungskräfteCoaching #Dresden




