Was Teams schwächt, obwohl alle das Richtige wollen
Im letzten Blogbeitrag der Sommerreihe „Schön ruhig hier.“ ging es um Schutzstrategien. Sie müssen nicht verschwinden. Entscheidend ist, sie wahrzunehmen, ihre Wirkung auf andere zu verstehen und automatische Reaktionen von bewussten Entscheidungen unterscheiden zu lernen.
Wie kann das gelingen?
Die Stärke eines Teams liegt kaum darin, dass alle Beteiligten jederzeit ausgeglichen, konfliktfrei und reflektiert handeln. Sie zeigt sich eher darin, wie früh ein Team seine vertrauten Muster bemerkt.
Ein hilfreiches Modell dafür ist das Dramadreieck von Stephen Karpman. Es beschreibt drei Rollen, die in angespannten Beziehungen häufig auftreten: Opfer, Retter und Verfolger.
Diese Begriffe bezeichnen keine festen Persönlichkeitsmerkmale. Sie beschreiben vorübergehende Positionen innerhalb einer Dynamik, zwischen denen Menschen mitunter erstaunlich schnell wechseln.
In der Opferposition erlebt sich ein Mensch als machtlos und sieht nur wenige eigene Handlungsmöglichkeiten. Der Retter übernimmt Verantwortung, häufig ungefragt. Der Verfolger urteilt, beschuldigt oder versucht, durch Druck wieder Kontrolle zu gewinnen.
Jede dieser Reaktionen erfüllt zunächst eine Funktion.
Wer sich als Opfer erlebt, schützt sich möglicherweise vor Überforderung. Wer rettet, möchte helfen, gebraucht werden oder die Situation rasch beruhigen. Wer angreift, versucht Klarheit herzustellen und die eigene Ohnmacht auf Abstand zu halten.
Problematisch wird eine solche Reaktion, sobald sie zur einzigen verfügbaren Antwort wird, dann heißt es nicht mehr: „Ich weiß gerade nicht weiter“, sondern: „Hier kann man ohnehin nichts machen.“
Eine Führungskraft beginnt mit Unterstützung, übernimmt nach und nach ganze Aufgaben und wundert sich später über die geringe Selbstständigkeit im Team.
Ein Kollege richtet seine Aufmerksamkeit irgendwann weniger auf die Lösung als auf die Frage, wer für das Problem verantwortlich ist.
Besonders anschaulich wird die Dynamik beim Retter, er hilft wieder und wieder, fühlt sich zunehmend ausgenutzt und wechselt schließlich in die Verfolgerposition:
„Muss ich hier eigentlich alles allein machen?“
Die unterstützte Person erlebt die Hilfe womöglich längst als Bevormundung und setzt sich zur Wehr, der ehemalige Retter fühlt sich daraufhin missverstanden und ungerecht behandelt, die ursprüngliche Aufgabe gerät aus dem Blick und das Team arbeitet sich aneinander ab.
Das Dreieck ist kein Etikett
Das Dramadreieck ist keine Diagnose und schon gar kein Instrument, mit dem sich die anderen bequem einordnen lassen.
Sein Wert liegt in der Selbstbeobachtung.
- Wo gebe ich meine Handlungsmöglichkeiten vorschnell ab?
- Wo übernehme ich Verantwortung, die bei einem anderen Menschen liegt?
- Wo werde ich hart, kontrollierend oder abwertend, weil ich mich selbst gerade machtlos fühle?
Sobald ich meine eigene Position erkenne, entsteht ein Abstand zwischen Impuls und Handlung. Der erste Reflex bleibt spürbar, bestimmt jedoch nicht zwangsläufig das weitere Vorgehen, aus „Hier kann man nichts machen“ kann die Frage entstehen:
„Welchen Teil kann ich beeinflussen?“
Aus reflexhaftem Retten wird ein klares Unterstützungsangebot:
„Wobei brauchst du meine Hilfe, und was übernimmst du selbst?“
Aus dem Verfolgen kann eine deutliche Rückmeldung werden, die das Verhalten anspricht und die Person weiterhin als Gesprächspartner ernst nimmt.
Bewusstes Handeln beginnt mit der Prüfung, ob die eigene Reaktion der gegenwärtigen Situation tatsächlich dient.
Eine kurze Orientierung
Drei Fragen helfen dabei, die eigene Position zu erkennen:
Gebe ich gerade meine Handlungsmöglichkeiten ab?
Das kann auf die Opferposition hinweisen.
Übernehme ich Verantwortung, die bei einem anderen Menschen liegt?
Möglicherweise bin ich in die Retterposition geraten.
Arbeite ich noch an der Lösung, oder suche ich bereits einen Schuldigen?
Dann nähere ich mich vermutlich der Verfolgerposition.
Für den nächsten Schritt hilft eine weitere Frage:
Welche klare und angemessene Handlung wäre jetzt möglich, ohne Verantwortung abzugeben, ungefragt zu übernehmen oder durch Schuldzuweisung zu ersetzen?
Was Führung dazu beitragen kann
Führungskräfte müssen ihre Teams nicht aus jeder schwierigen Dynamik befreien, damit würden sie leicht selbst die Retterposition übernehmen.
Ihre Aufgabe besteht eher darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen solche Muster frühzeitig sichtbar und besprechbar werden.
Dazu gehört, Schwierigkeiten ernst zu nehmen und die Verantwortung dennoch bei den Beteiligten zu belassen. Ebenso wichtig ist es, Fehlverhalten klar anzusprechen, ohne die gesamte Situation auf einen vermeintlich Schuldigen zu reduzieren.
Einige einfache Fragen können dabei helfen:
„Was hast du bereits versucht?“
- „Welche Lösung hältst du selbst für möglich?“
- „Wobei brauchst du konkret Unterstützung?“
- „Was muss jetzt geklärt werden?“
Sie verbinden Unterstützung mit Eigenverantwortung.
Auch ein Team kann ein neutrales Stoppsignal vereinbaren:
„Ich glaube, wir geraten gerade ins Dreieck.“
Der Satz eignet sich als gemeinsame Unterbrechung. Als Diagnose der anderen würde er die bestehende Dynamik lediglich fortsetzen.
Mit der Zeit kann ein Team lernen, Unterstützung anzubieten, ohne Verantwortung abzunehmen, Grenzen zu setzen, ohne abzuwerten, und Widerspruch auszuhalten, ohne sofort einen Gegner zu benötigen.
Das macht ein Team nicht unbesiegbar.
Es hilft ihm jedoch, unter Spannung handlungsfähig zu bleiben.




