Sommerreihe „Schön ruhig hier.“
In meiner Arbeit mit Führungsteams erlebe ich immer wieder, wie schnell Menschen einander mit Verhaltensweisen auf die Palme bringen können, die aus ihrer eigenen Sicht vollkommen vernünftig sind.
Der Visionär möchte Möglichkeiten eröffnen, der Skeptiker möchte verhindern, dass aus einer guten Idee eine teure Erfahrung wird. Der eine versteht sich als mutig und zukunftsorientiert, der andere als verantwortungsbewusst und sorgfältig. Trotzdem dauert es häufig nicht lange, bis der Skeptiker in den Augen des Visionärs als professionelle Spaßbremse gilt und der Visionär aus Sicht des Skeptikers als jemand, der Begeisterung mit Tragfähigkeit verwechselt.
Manchmal kracht es offen. Häufiger entwickelt sich jene kultivierte Form des Konflikts, bei der weiterhin höflich miteinander gesprochen wird, während man innerlich längst beschlossen hat, dass der andere das eigentliche Problem ist.
Aus gruppendynamischer Sicht sind solche Reaktionen nicht ungewöhnlich. Menschen entwickeln Strategien, mit denen sie in unübersichtlichen oder angespannten Situationen etwas schützen: ihre Zugehörigkeit, ihre Sicherheit, ihre Kontrolle, eine Beziehung, die Qualität der Arbeit oder das eigene Bild davon, ein verantwortungsvoller Mensch zu sein.
Diese Schutzstrategien sind zunächst weder gut noch schlecht. Der Skeptiker kann ein Team vor einer Fehlentscheidung bewahren. Der Visionär kann verhindern, dass Erfahrung lediglich zu einer eleganten Begründung dafür wird, alles beim Alten zu lassen. Der Perfektionist sichert Qualität, der Bewahrer schützt wichtiges Wissen und der Konfliktvermeider sorgt manchmal tatsächlich dafür, dass nicht jede Irritation sofort zur Grundsatzfrage erhoben wird.
Schwierig wird es, wenn eine Strategie nicht mehr bewusst gewählt wird, sondern automatisch die Wahrnehmung bestimmt.
Dann sucht der Skeptiker vor allem nach Informationen, die seine Bedenken bestätigen. Der Visionär hört in jedem Einwand mangelnden Mut. Der Bewahrer verwechselt Vertrautheit mit Richtigkeit. Und der Ja-Sager orientiert sich so stark an der herrschenden Meinung oder an der Person mit der größten formalen Macht, dass seine Zustimmung ihren eigentlichen Wert verliert.
Gerade der Ja-Sager wird deshalb in Teams häufig unterschätzt.
Zunächst ist er angenehm. Er widerspricht selten, unterstützt Entscheidungen und erzeugt keinen zusätzlichen Klärungsbedarf. Mit der Zeit kann jedoch etwas entstehen, das für Zusammenarbeit ausgesprochen ungünstig ist: Misstrauen.
Meint er sein Ja wirklich?
Würde er Bedenken äußern, wenn er welche hätte?
Oder sagt er lediglich das, was in dieser Situation am sichersten ist?
Wenn Zustimmung zur Gewohnheit wird, verliert sie ihren Informationswert. Das Team beginnt, sie nicht mehr als eigenständige Position zu verstehen, sondern als sozial erwünschte Reaktion. Ausgerechnet der Mensch, der durch Anpassung Zugehörigkeit sichern möchte, wird dann unbewusst mit Distanz behandelt, weil niemand mehr genau weiß, woran er bei ihm ist.
Das Problem liegt dabei nicht allein beim Ja-Sager. Ein Team muss sich ebenso fragen, welche Erfahrungen Menschen dort mit Widerspruch machen. Wird ein Nein tatsächlich als Beitrag zur Sache verstanden, oder gilt es zwar offiziell als erwünscht, wird aber später zuverlässig mit Kühle, Rechtfertigungsdruck oder dem Ausschluss aus wichtigen Gesprächen beantwortet?
Wir können mit sehr unterschiedlichen Schutzstrategien ein gutes Team abgeben. Der Visionär braucht die Einwände des Skeptikers, und der Skeptiker braucht eine Idee, die größer ist als das Risiko. Der Ja-Sager kann ein feines Gespür für Beziehungen besitzen, während der Perfektionist Maßstäbe bewahrt, die andere unter Zeitdruck längst aufgegeben hätten.
Entscheidend ist nicht, diese Strategien abzulegen. Entscheidend ist, sie zu erkennen, ihre Wirkung auf andere zu verstehen und nicht jede automatische Reaktion mit einer bewussten Entscheidung zu verwechseln.
Wie das gelingen kann, darum geht es in der nächsten Folge von „Schön ruhig hier.“
Von der Schutzstrategie zur bewussten Entscheidung.




